Sonntag, 19. März 2017

Bernina 770 QE Teil 1 Erfahrungen

"Ja, warum hast Du eigentlich diese Maschine gekauft, wenn Du mit der Pfaff doch zufrieden bist?"

"Der Trend geht zur Zweit-Maschine... Spaß beiseite... ich möchte mehr Licht, ich möchte mehr Platz, ich möchte mehr Nähfüße um noch genauer nähen zu können, ich möchte sticken, ich möchte mehr Quiltstiche haben... ich möchte, ich möchte.. ich möchte..." 

"Ja, dann mach doch endlich." 

Es kam ein riesengroßes Paket ins Haus, welches der Postbote nur mit Mühe mit der Sackkarre die Treppe hoch transportieren konnte. Die Maschine war super-super-sicher verpackt. Das mitgelieferte Zubehör ist schnell in das kleine Zubehör-Schränkchen einsortiert, welches inkludiert ist. Der BSR Stichregulator gehört dazu. Wer sonst noch wissen möchte, wie umfangreich das Zubehörpaket ist, der googelt bitte einfach mal. Und, sie ist nur unmerklich größer als die kleine Pfaff Select 3.2 😊


Insgesamt erst einmal ein wirklich erstklassiger Eindruck. Und hier formuliere ich jetzt noch mein Gedanken- und erst einmal anfängliches Erfahrungsgut dazu.
  1. Keine DVD mit den in der Anleitung benannten Tutorials dabei
  2. Kein Zubehörkatalog, wie in der Anleitung beschrieben, dabei
  3. Die schriftliche Bedienungsanleitung ist sehr umfangreich, hat ein wunderschönes und klar detailliertes Layout
  4. Die Maschine ist schwer... 15 KG, zu einem Seminar werde ich sie nicht mitnehmen
  5. Das Material der Maschine an sich sieht sehr hochwertig aus, die Haptik ist auch angenehm - ich würde ja gern mal reinschauen 
  6. Das Display ist einfach und intuitiv zu bedienen. Man muss sich natürlich das Wissen aneignen, welche Bedeutung die Symbole in ihren Funktionen haben
  7. Für die Bedienung gibt es einen Touchstift, für diesen ist rechts seitlich an der Maschine eine magnetische Halterung, damit er einen festen Platz bekommen kann 
  8. Wenn man vorher eine kleine Pfaff Select 3.2 hatte, fühlt man sich erst einmal, als ob man ein Brett vor dem Kopf hat, wenn man vor ihr sitzt. Sie ist einfach sehr groß
  9. Das Lichtfeld ist super ausgeleuchtet, wenn ich anschließend an der kleinen Pfaff sitze, denke ich, ich sitz im Dunkeln 
  10. Sie ist wirklich sehr leise, was sehr angenehm ist
  11. Der Dualtransport - vergleichbar mit IDT bei Pfaff - ist einfach zu bedienen. Die Maschine erkennt, ob man einen kompatiblen Nähfuß am Start hat oder nicht. Für den  Dualtransport sind immer Nähfüße mit dem Buchstaben D erforderlich. Ein Hinweis von mir an dieser Stelle... immer nach Aktivierung und Deaktivierung den Nähfuß einmal senken, und wieder hochfahren, damit die Maschine erkennen kann, dass der Dualtransport zu- oder ausgeschaltet wurde
  12. Der halbautomatische Nadeleinfädler ist einfach zu bedienen, wenn man weiß, wie's geht 😎 Eine genaue Anleitung dazu fand ich im Netz 
  13. Zu Beginn des Nähens (ich habe den zeitlichen Intervall noch nicht raus), also wenn man sie morgens beispielsweise einschaltet, gibt sie entweder beim Unterfaden hoch holen, oder beim ersten Stich einen - für mich - sehr unangenehmen Referenzton von sich. Es ist ein lautes, tiefes Brummen. Ich bin leider, was diesen Ton betrifft, traumatisiert. Bei einer anderen Maschine flog mir bei einem solchen Referenzton die Nadel um die Ohren, ein Teil der Nadel landete in meinem Ohrläppchen, ging also knapp am Auge vorbei. Fakt war einfach, dass bei dieser Maschine die Nadelstange eklatant schief stand, die Nadel deshalb mit voller Wucht erst auf die Stichplatte und dann auf den Greifer knallte. Diese Maschine wurde vom Hersteller dann anstandslos retourniert, Ersatz wollte ich nicht. Als dieser tiefe Brummton von der 770 QE das erste Mal erklang, sprang ich auf, mein Herz klopfte wie wild. Ich dachte natürlich, dass jetzt etwas  kaputt sei, fasste die Maschine zwei Tage nicht an, weil ich einfach Angst hatte. Ich probierte es dann wieder, mit dem gleichen Ergebnis. Wieder dachte ich, dass ich wohl lieber auf die Einweisung warten sollte. Im Netz fand ich dann ein Video aus Amerika, wo dieser Referenzton erklärt wurde. Die Maschine gibt nach dem Einschalten - aber nicht jedes Mal, ich habe den Eindruck so nach ca. 24 Stunden - diesen Ton beim ersten Stich von sich. Oder der Ton erklingt, wenn man den Unterfaden hochholen will - dabei ist es egal, ob man das manuell (Handrad drehen) oder mit der Funktion Nadel-runter-hoch macht. Das wird leider in der Anleitung nicht beschrieben. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich nur sehr schwer an diesen Ton gewöhnen kann, weil mir das Herz immer noch zur Hose raushüpft, wenn ich ihn höre. Mir ist nicht klar, warum die Maschine diesen ersten täglichen Kontakt mit solch einem Ton quittieren muss... liebe Berninas, könnt ihr daraus nicht einfach ein wunderschönes "Dingdong"... oder "Didelidelidideli" machen? Eine Begrüßung sollte immer freundlich klingen, einladend... sozusagen. 😊
  14. Die Thematik des Einfädelns - wird zwar in einem Video als sehr einfach dargestellt gezeigt, ist aber doch nicht gar so einfach. Gott sei Dank war ich durch meine anfänglichen Erfahrungen mit meiner Pfaff schon konditioniert. Der Faden muss mit der rechten Hand wirklich stramm festgehalten mit der linken Hand durch den Fadengeber geführt werden, damit der Faden auch wirklich zwischen die Spannungsscheiben rutscht. Ansonsten bleibt der Faden auf den Spannungsscheiben liegen. Man kann das gut prüfen, in dem man nach dem Einfädeln einfach mal den Nähfuß senkt. Läßt der Faden sich immer noch locker flockig ziehen, liegt der Faden nicht zwischen den Spannungsscheiben. Wäre er richtig dazwischen, ließe sich der Faden nicht mehr ziehen. Also Faden wieder raus und von vorn einfädeln 
  15. Das Einfädeln in das Spulchen sollte man sich auf dem Display im aufrufbaren Tutorial genau ansehen, es ist auch nicht einfach s o gemacht... 
  16. Nachdem ich das alles korrekt gemacht hatte, gab's trotzdem immer wieder Fadensalat, inkl. 3 x einen um den Greifer gewickelten, festsitzenden Faden, den ich nur mit der Pinzette wieder rausholen konnte. Beim nächsten Mal fraß die Maschine dann den Stoff ad hoc nach dem 2. Stich. Also wieder alles von vorne, und noch konzentrierter... beginnen 
Hier nun meine eigene Lösung... ich hole den Unterfaden hoch, ziehe ihn auf gleiche Länge zusammen mit dem Oberfaden über den Fadenschneider, lasse beide dann so im Fadenschneider hängen. Dann schiebe ich den Stoff unter den Fuß und senke ihn, beginne mit der Naht. Und siehe da, keine Fadenknäuel mehr. Rechts in der Seitenleiste ist mein Instagram-Account verlinkt, dort habe ich ein kleines Filmchen mit der visuellen Erklärung dazu eingestellt. 


Man ist ja schnell dazu verleitet, zu sagen: "Bei einer Hightech-Maschine darf so etwas nicht passieren." Sollte man so aber nicht generalisieren. Man muss einfach daran denken, dass es bei einer Hightech-Maschine immer mehrere einstellbare Parameter gibt, um das Nähergebnis optimieren zu können. Früher konnte man die Glühlampe des Abblendlichts des Autos mit ein paar Handgriffen selbst auswechseln. Heutzutage muss man den Wagen - mit Termin! - in die Werkstatt bringen, weil das halbe Auto vorn auseinander gebaut werden muss, um die Lampe auswechseln zu können. Das heißt, man hat trotz der weiter entwickelten Technik mehr Arbeitsschritte um zum gleichen Ziel zu kommen, womit ich sagen möchte, dass ein gutes Nähergebnis bei dieser Maschine nicht nur von einer einzigen Einstellungsmöglichkeit abhängt. Woran auch ich mich erst gewöhnen muss... 😊

Hier auf dem Bild bin ich dann mit der linken Naht langsam aber sicher wirklich zufrieden. Habe das mit den folgenden Einstellungen geschafft.
  • Nähfußdruck für Baumwolle von werkseitig eingestellten 50 auf 51 gestellt - also einfach mal mit dem Nähfußdruck spielen, wenn das Nahtbild nicht sauber sein sollte 
  • Die werkseitig eingestellte Schwebehöhe des Nähfußes von 2 mm habe ich auf 0 reduziert. Ich brauche das nicht immer und ständig. Die Funktion an sich ist sinnvoll und gut, und einsetzbar, wenn ich z.B. beim Absteppen eines Quilts, am Ende der Naht die Nadel unten lassen und den Stoff drehen möchte. Brauche ich das nicht, fühle ich mich zu Beginn einer Naht mit dieser einsetzenden Funktion nicht so wohl. Mir ist es ein paar Mal passiert, dass ich den Stoff knappkantig an die Nadel legte und dann den Nähfuß senkte, sich der Nähfuß aber dann ad hoc sofort wieder auf die luftige Höhe von 2 mm begab. Ergo konnte ich den Stoff nicht fest platzieren, sondern gleich wieder raus ziehen. Das empfinde ich als Manko, wenn ich punktgenau mit dem Einstich beginnen möchte, diesen Punkt aber aufgrund des hochfahrenden Fußes nicht mehr genau sehen kann 
  • Ober- und Unterfaden zu Beginn entweder festhalten, oder einfacher Weise im Fadenschneider hängen lassen. So geht der Faden mit, wird auch abgegriffen... es gibt keine Knäuelbildung



Ich war mit dem Stichbild zu Beginn überhaupt nicht zufrieden. Man kann gut auf dem obigen Bild an den drei rechten Nähten sehen, dass das Nahtbild auch zu diesem Zeitpunkt noch nicht optimal war. Für diese Nähte hatte ich den Nähfuß 97 D eingesetzt, und die Stichplatte gewechselt, also die Gradstichplatte genommen. Die Naht war aber immer noch nicht exakt. Erst nach Veränderung des Nähfußdruckes wurde es jetzt fast perfekt (ich bin ein Pingelpott, ich weiß).  Ganz zu Beginn hatten die Stiche von oben nach unten gehend immer einen Linksdrall. Ich nähte dann einfach 10 DIN A 4 Seiten Papier ganze viele Nähte hoch, runter und rückwärts, mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Danach sah's schon besser aus. 

Bis auf diese benannten Themen kann ich jetzt zu Beginn meiner Nähfreundschaft mit der 770 QE nicht mehr bemeckern 😊. Ich finde es halt schade, dass gerade solche Hinweise in den Anleitungen, hier eben für "Bernina-AnfängerInnen" fehlen, dies hatte ich bei der Pfaff auch schon moniert. Woher soll ich als Bernina-AnfängerIn wissen, auf was ich beim Einfädeln speziell achten muss. Es gibt ein Video dazu, ja. Es gibt Bilder dazu, auch ja. Im Video und auf den Bildern sieht das super einfach aus. Wenn man aber im Netz auf die Suche geht, findet man in Foren genau diese Hinweise, weil solche Fragen immer wieder auftauchen. Es wäre ja nur ein kleiner Hinweis notwendig: "Achtung für Bernina-AnfängerInnen: Bitte den Faden recht stramm durch den Fadengeber ziehen... oder so ähnlich. Es gibt theoretisches Entwickler- und Herstellerwissen, dass leider irgendwann - spätestens in der Anleitung - am praktikablen Anwenderwissen definitiv vorbei formuliert wird. 

Noch ein Hinweis an dieser Stelle: Ich habe nach Anleitung erst einmal gereinigt und geölt. Die Zähnchen vom Transportfuß waren mit irgend einer grauen Flusenmasse völlig verstopft... diese Flusenmasse fand ich auch in der Greiferebene. D a s ist kein Qualitätsmerkmal! Hier wird der Prozess nicht gelebt 😊

Arbeitsliste des ersten Reviews: 
  1. Eine Nähfuß-Druck-Liste anlegen... für die verschiedenen Stoffe den jeweils optimalen Wert ermitteln, aufschreiben
  2. Einen roten Klebi auf die Maschine kleben, wenn ich den Nähfuß 97 D dran habe: "Achtung Gradstichplatte in Arbeit"
  3. Ein zweites Zubehörschränkchen bestellen. In beide Schränkchen Löcher in die Rückwand bohren, Schränkchen an der Wand rechts von der Nähmaschine befestigen (solche Löcher könnten uneigentlich schon drin sein... in der kleinen Rückwand). Das Schränkchen läßt sich leider nur aufstellen, steht mir hier auf dem Tisch ständig im Weg herum, weil mir der Weg von der Maschine zum Regal einfach zu weit ist
  4. Nähfüße bestellen: Nr. 10 D, Nr. 50, Nr. 71 
  5. Original-Nadeln bestellen, ich finde nirgendwo eine Info, ob ich Schmetz-Nadeln nehmen kann. Die Schmetz-Nadeln sind ein ganzes Stück länger als die Bernina-Nadeln
  6. Spulchen bestellen 

... werde Euch auf dem Laufenden halten. :-)

Kommentare:

  1. Liebe Jara,
    zunächst einmal Glückwunsch zu dieser sicher tollen Maschine, die dir bestimmt auch viel Freude bereiten wird! Natürlich muss man sich zu Beginn einer Nähfreundschaft erst einmal bschnuppern, daher finde ich es nicht verwunderlich, dass da auch mal etwas schief geht. Ich bin auf deine weiteren Erfahrungen gespannt, finde es aber gut, dass du durchaus Kritik anbringst ;-) Mit meiner Juki kann ich deine Bernina nicht vergleichen, das sind zweierlei Paar Schuhe und meine Bernina Virtuosa 153 spielt ebenfalls in einer anderen Liga :-))) Viel Freude und ganz wenig Frust beim Nähen mit deinem Rolls Royce wünscht dir Martina

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    1. Ganz lieben Dank Martina :-) Ich freue mich auch. Sehr. Gern werde ich weiterhin von meinen Erfahrungen berichten. Meine Großmutter sagte oft: "Technik tut immer nur das, was du ihr sagst..." Noch öfter muss ich heute über diese Satz schmunzeln, auch dann, wenn mein Chef mal wieder vor dem PC sitzt und schimpft. :-)
      Liebe Grüße
      Jara

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  2. Liebe Jara,
    auch ich möchte dir zu deiner Neuerwerbung gratulieren und - gerade jetzt am Anfang - viel Geduld wünschen. Die Anfänge sind schon holprig aber mit Übung bist du sicher nur noch begeistert. Das wünsch ich dir jedenfalls
    LG eSTe

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    1. Liebe eSte,
      herzlichen Dank :-) Ja, Geduld braucht man - auch wenn man grundsätzlich nähen kann, beginnt man ja mit einer neuen Maschine - mit der man sich ja nicht auskennt - wieder ganz von vorn. Materialien ausprobieren, Stiche, Reißverschlüsse... Kappnähte etc..
      Lieben Dank auch für Deine guten Wünsche.
      Herzliche Grüße
      Jara

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